Oktober 2026
By
Dromedar
71
Blaustart
Urban Mäder: Stimme & Zubehör
Hans-Peter Pfammatter: Klavier & Synthesizer
Silke Strahl: Saxophon
Released am 1. März 2025
Saisonstart. Alles neu. Alles bewegt. Ich auch. Vom 100sten ins 1000ste … und ich will aber noch einen Tipp schreiben, am liebsten was ganz Neues. Aber es ist nichts zu machen, meine Ohren wollen immer eine meiner Liebsten CDs vom letzten Jahr hören.
Ich weiss auch warum. Denn Blaustart ist auch eine Blaupause. Blaustart hat auf mich immer diesen Azur-Effekt, da lasse ich einfach Kram los und Luft rein. Ausserdem kriege ich ziemlich sofort gute Laune, wenn ich diese CD höre. Deswegen steht sie in meiner Sammlung auch unter der Rubrik: Notfall / Rettungsanker / Seelenbalsam.
Meistens schafft mich ja das Banale, so wie die Koordination vom Nachwuchs und dem ewigen Saustall, oder das Ausfüllen von elektronischen Formularen, der Drucker oder die Katze, die sich wahlweise wieder so mit mir anlegt, dass ich Kaffee über den Computer schütte oder in einen toten Siebenschläfer trete.
Guter Himmel.
Musik bitte. Blaustart bitte.
Ich mag schon die Titel. Ich liebe, dass es auf einmal eine „Zeitlücke“ gibt, eine „Aufstandszeichnung“, „Kostengutsprache mit Verzeihung“, „Leere Versprechen“ und „Da musst du durch“.
Ja, manchmal muss man durch unglaubliches Zeug durch. Das geht auch mit Stil. Kann man sich hier ziemlich gut abhören.
Denn Mäder, Pfammatter und Strahl sind wagemutig, weil sie es draufhaben. Freier Fall ins Blaue? Warum nicht? Warum immer wissen wollen, was kommt? Loslassen. Spüren, wie sich das anfühlt, sich fallen zu lassen? Und wenn die anderen noch mitfallen, hört man sie seufzen, schreien, jauchzen und den ein oder anderen wirklich coolen Spruch loslassen.
Das Trio holt den Hörer mit einer fantastischen Mischung aus elektronischen und akustischen Sounds ab. Schnarren, rauschen, klingen einem die Seele aus dem Leib und wieder dreifach zurück. Hans-Peter stimmt sich dabei sehr fein mit seiner Synth-Klangwelt und dem Piano auf Stimme und Saxophon ab. Mäders Stimme gibt sicheren Halt, obwohl er ganze Welten schluckt und ausspuckt. Und dieses Saxophon: schillernd, fein und aus allen Dimensionen heraus immer gezielt auf einen inneren Punkt des Zusammenspiels.
„Es soll mal einer sagen, was es ausser Improvisation noch gibt!“ Das steht im Bandtext, und sie sprechen mir damit aus der Seele.
Überhaupt, wenn das Wort cool eine Farbe hätte, wäre es auch ein Blauton. Celeste.
Ausserdem sind die drei so menschlich. Das geht mir ans Herz. Und ich meine das nicht ironisch.
Ich bin da nämlich sehr empfindsam. Wenn es gute Musiker mit solcher Natürlichkeit auf den abgedrehtesten Wirrungen des Lebens spielen, beantwortet sich mir so manche Frage, die ich eigentlich gar nicht stellen könnte.
Und dann noch ein schönes Thema: Umgang mit Zeit. Denn reich ist, wer sich Zeit nimmt. Noch reicher, wer sie weiterreicht. Die drei können so geschmeidig und verspielt den musikalischen Moment dehnen, dass ich gleich auf die Idee komme, alles etwas gelassener zu sehen, beziehungsweise den Trick mit den Mundwinkeln anzuwenden … also so gleichzeitig links und rechts nach oben ziehen …
Ach, dass es Menschen gibt, die Gespinster fangen und deren feine Gestalt durch den Raum pusten … da kriege ich doch gleich wieder mehr Kontur. Ich meine, all die Geschichten und das Weinen und Lachen, Frust und Verzweiflung, wenn es innen einem drin einen Klang findet, bleibt man doch irgendwie mit dem Leben verbunden …
Also Blaumachen, blau starten, ins Blaue rein leben, blaue Blumen suchen, spielen, träumen.
Kriege gerade wieder Lust, mich in alles reinzustürzen … aber genug geredet. Anhören müsst ihr das selber.
