November 2026
By
Dromedar
70
Enigma
Listening Tip November: Enigma (Philip Zoubek Trio)
Album: Enigma
Künstler: Philip Zoubek Trio
Release: 30. Oktober 2026
Label: Boomslang Records
Das Philip Zoubek Trio habe ich live bei den famosen Bezau Beats gehört. Das Trio besteht aus Philip Zoubek am Klavier und Synthesizer, von dem auch die Kompositionen stammen, David Helm am Kontrabass und Effekten sowie Dominik Mahnig am Schlagzeug, Tischxylophon und der Flöte.
Ein elektroakustisches Projekt und eines dieser Konzerte, die zu denkwürdigen Erlebnissen werden. Keine einzige Zelle blieb in mir verschont. Es ging mir buchstäblich durch und durch. Klanglich entfesselte das Trio live eine gewaltige Wucht. Kompositionen, ja. Aber Kompositionen, die so aufgeladen werden, dass sie explodieren. Sie detonieren, fliegen einem um die Ohren und erlauben den Musikern, sämtliche Schranken einzureißen: im Hören, Sehen, Fühlen und Denken.
Ganz klangtrunken stolperte ich nach dem Konzert an die Bühne, um ihre Musik zu kaufen. Das Trio spielt bereits seit 2015 und hat diverse hervorragende Scheiben im Programm, viele davon bei Boomslang erschienen. Ergattert habe ich Mirage, auf dem das Trio im Extended-Format mit drei weiteren Musikern: Elisabeth Coudoux (Cello), Leonhard Huhn (Holzbläser) und Shiau-Shiuan Hung (Vibraphon) spielt. Eine wunderschöne Scheibe! Doch ich wollte unbedingt das Neue: genau das, was ich eben erst live gehört hatte.
Ich musste mich gedulden, doch nun ist sie endlich da: Enigma heißt die Platte. Und jedes Stück ist ein Teil dieses Rätsels.
Das Cover erinnert mich stark an Giorgio de Chirico. Bei de Chiricos Bildern hatte ich einst meine erste „metaphysische Fortbildung“. War ich in der Schule noch eine absolute Physik-Null, entdeckte ich bei ihm die Physik als jene Kraft, die den Menschen in eine Dimension wirft, in der er überleben muss, gnadenlos sogar über den Tod hinaus. De Chiricos Welt verschiebt räumliche Verhältnisse, Perspektiven, Schatten und Architekturen; alles funktioniert nach eigenen, unergründlichen Gesetzen. Diese Ordnung ist stark physisch erfahrbar und zugleich unbegreiflich.
Genau das passiert auf dieser Platte. Es gibt Rätsel, die man nicht lösen, sondern leben muss, um sie zu verstehen. Und es passt perfekt zur Musik dieses Trios mit seinen Kompositionen, die sich selbst in die Luft jagen und in neue Perspektiven donnern. Das Ohr wird in ungeahnte Dimensionen gedehnt, um dann wieder mit klaren, stark artikulierten Akzenten im Raum, im Hier und Jetzt, orientiert zu werden. Der Effekt ist außergewöhnlich: Man kann sich im Hören weit hinauswagen und wird dennoch von einer starken Struktur gehalten, die sich ständig verschiebt und wandelt.
Als ich endlich die Musik von Enigma hatte, war ich bei meiner Mutter zu Besuch. Wir sehen uns selten, und eigentlich wollte ich nur bei ihr sein und über die einfachen Dinge des Lebens sprechen. Doch ich war zu neugierig auf die Musik. So fragte ich in ihr klassisch geschultes Ohr hinein, ob sie Lust hätte, sich etwas Ungewöhnliches anzuhören.
„Ach ja“, sagte sie auf ihre schlichte Art. „Das können wir schon machen.“
Also legte ich die Musik auf und versuchte, die Lautstärke so zu dosieren, dass ich die Katze nicht zu sehr erschrecke, die sich gemütlich auf dem Schoß meiner Mutter zusammengerollt hatte. Aber mit allzu viel Rücksichtnahme kann man diese Musik nicht hören. Meine Mutter sah das genauso. Also drehten wir etwas auf, denn diese Platte braucht einen bestimmten Pegel. Und die Katze? Schnurrte und rollte sich seelenruhig noch weiter ein. Die Wohnung füllte sich mit Klang und dröhnte in die Außenwelt.
Meine Mutter lauschte und meinte: „Das ist aber interessant.“
Wenig später: „Aber hier hört sich das doch an wie Jazz.“
Und schließlich, als es gerade wieder ziemlich hoch herging: „Das gefällt mir…“
Davon ermutigt, versuchte ich ihr beim Hören zu erklären, wie raffiniert das Ganze klanglich aufgebaut ist. Wie wahnsinnig spannend jeder Musiker mit seinem Instrument Barrieren sprengt und diesen fetten Sound kreiert, der ekstatisch und befreiend in mir jubeln will. Wie das Schlagzeug vibriert und Sehnsüchte aufstöbert. Wie der Bass uns vom Grollen der Erde bis in den sphärischen Reibeton des Saturnrings trägt … Und dieses Klavier, das zerfließt, das sich aufbäumt und auftürmt, um plötzlich ganz nah an deinem Ohr eine neue Fährte zu legen. Der Hörer wird zum Spurensucher, der in den kryptischen Bewegungen des Geschehens Beute wittert.
„Ach ja, mit dir erlebt man wirklich immer etwas“, sagte meine Mutter schließlich.
Aber ich denke, dass ich mit 80 gerne so wäre wie sie: trotz allen Gebrechen und weltlichem Kram mich einfach hinzusetzen und immer noch ganz neu hören zu können. Und ja, vielleicht wünsche ich mir, dass wenn ich so alt bin und nicht mehr so präsent im Weltentrubel stehe … dass da jemand kommt und mir dann etwas richtig Abgefahrenes vorspielt.
Es geht halt um vieles beim Hören. Es geht um mehr. Oder um alles. Das muss man nicht verstehen. Das weiß man einfach. Das weiß jeder, der hinhört. Und deshalb darf es ein Rätsel bleiben.
