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Listening Tip Extra: Die Australianische Szene

  • Autorenbild: Dromedar
    Dromedar
  • vor 19 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit











Manchmal sitze ich mit meinem Freund, dem Seebär, auf dem Berg und wir betrachten den Lago Maggiore. Wir lauschen ins Weite und in das tiefe Blau und sind in der Regel gut gelaunt.

Heute habe ich ihm schon allerlei musikalische Gedanken zugemutet und ihm meinen letzten Listening-Tipp erklärt. Und er sagt:

„Dromedar, ich muss zugeben: Mit der australischen Szene kenne ich mich nicht aus.“

„Noch nicht“, erwidere ich. „Denn jetzt gibt es was auf die Ohren. Australischen Powerhouse-Free-Jazz.“

„Und glaube mir“, sage ich, „die Band heißt Believe und die Platte Nature's God.“

„Oh Gott“, sagt Seebär.

„Ruhe“, sage ich.

Und nun hören wir eine australische Band, während wir immer noch auf den Schweizer See schauen. Seebär ist ganz ruhig.

„Seebär“, flüstere ich, „mir wird so andächtig.“

„Du bist eine empfindsame Seele, Dromedar.“

„Ja. Ich bin ganz ergriffen. Findest du nicht, dass man ganz nahe an die Musiker rankommt? Die Klänge greifen direkt in mich hinein …“

„Das ist der Sound, Dromedar. Extrem guter Sound. Cool.“

„Aber Seebär, cool ist doch sehr undifferenziert. Das hier heißt Nature's God.“

Seebär schaut weiter auf den See.

„Starke Strömung“, sagt er.

„Wasser in der Farbe des Himmels, mit irisierenden Schattierungen. Das Schiff liegt fett im Kurs, eins mit den Wellen und dem Horizont. Das Gehirn wird leergespült. Der Seemann ist glücklich.“

„Wie schön du über das Göttliche redest, Seebär. Ich bin sicher, das ist ein achtarmiger Gott.“

„Ja klar, Dromedar. Vier menschliche Musiker machen acht Arme. Und außerdem eine Band, wie sie im Büchlein steht. Matrosen mit Weite im Herzen und gelüfteter Seele, jeder weiß, was er zu tun hat, da kann nichts schiefgehen. Die Elemente treffen auf fähige Freigeister. Mit dieser Crew umsegelst du die Welt. Die Namen bitte, Dromedar.“

„Laurence Pike am Schlagzeug, Clayton Thomas am Kontrabass, Novak Manojlovic am Klavier und Peter Farrar an Alt- und Sopransaxophon. Und jetzt kommt das Entscheidende, Seebär: Alle vier spielen auch Percussion.“

„Acht Arme“, sagt Seebär.

„Acht Arme“, sage ich. „Ich spüre den achtarmigen Beseelten. Einen Gott, der die Welt ertanzt und zerstört.“

„Du meinst Free Jazz?“

„Wenn du magst … Aber mir zuckt es so durch die Glieder … Wie wäre es mit einem Tänzchen?“

Es ist natürlich so, dass wir als Vierbeiner einen krassen Vorteil gegenüber den Menschen haben, wenn es zum Tanzen zu Free Jazz geht. Seebär und ich schlagen in alle vier Himmelsrichtungen gleichzeitig aus.

„Seebär!“, schreie ich. „Nur ein Oktopus kann es mit uns aufnehmen!“

„Das pulst aber ordentlich“, schnauft mein Seebär.

„Seebär, ist die Musik nun cool oder heiß?“

„Dromedar, das feurige Herz des Free Jazz ist das Coolste überhaupt.“

Wir müssen eine Pause einlegen.

Die Platte läuft zu Ende.

„Ich kenne noch eine australische Band. Ein Trio.“

„Her damit“, sagt Seebär.

„Das sind gestandene Herren. Die bringen uns vielleicht nicht so aus der Puste.“

„Bei gestandenen Herren weiß man nie, Dromedar.“

„Also, ich habe die mir angehört, als es so sehr heiß war. Und habe mich damit erfrischt.“

„Aha.“

„Die Platte heißt Weft. Das ist ein englisches Wort aus dem Weberhandwerk. Es ist der Schussfaden.“

„Schussfaden …?“

„Ja. Der Faden, der querschießt.“

„Ahoi!!!“

„Ja, an der Schreibmaschine Robbie Avenaim!“

„Beim Klabauter!“

„Chris Abrahams am Synthesizer. Und dann kommt noch jemand an der Bassflöte. Jim Denley.“

„Kenne ich“, sagt der Seebär. „Gute Männer.“

„Die Herrschaften treffen sich oft zum Teetrinken und dann machen sie Musik …“

„Dromedar, sei doch bitte etwas still, ich kann ja gar nichts hören.“

Und ich bin ganz still.

45 Minuten und 16 Sekunden lang.

„Donnerwetter“, sagt der Seebär. „Mystisch, mäandernd. Meisterlich.

In tiefer Ruhe verbindet sich das vibrierende Fluidum zur Atmosphäre. Ich setze Segel …“

„Schau mal, Seebär. Meine Ohren sind ganz groß geworden.“

„Steht dir gut, Dromedar.“

„Ich würde so gerne lesen können, was er mit seiner Schreibmaschine geschrieben hat.“

„Es ist nicht zum Lesen. Das ist zum Hören und sagt so viel wie: Was intensiv im Innern schwingt, kann sich im Außen auch im Kleinsten groß entfalten …“

„Seebär, die Schamanen konnten die Schrift der Schatten lesen, die das Laub der Wälder auf die Erde wirft. Und das schreibt Avenaim auf, und Abrahams gibt Raum und liest die Spuren, während Denley aus Luft Skulpturen fertigt, die erst summen und dann sprechen oder grunzen, aber auf jeden Fall uns nahe sein wollen …“

„Dromedar, du bist ein seltsames Huftier.“

„Ich bin auch ein Wiederkäuer … und stehe noch unter Wirkung.“

Wir müssen jetzt erst einmal wieder dem stillen See zuhören. Und dem Wind. Und dem Laub. Und dem schlurfenden Nachbarn, der seine Hühner füttert.

„Seebär, bevor du nun Hunger bekommst, musst du dir unbedingt noch eine Sache anhören.“

„Das denke ich auch, Dromedar. Kennst du keine australische Musikerin?“

„Doch, alter Seebär. Es gibt eine wundervolle australische Cellistin, die gerade eine Platte mit einem wundervollen Kontrabassspieler herausgebracht hat.“

„Lass uns ablegen, Dromedar.“

„Wir legen nicht ab. Jetzt geht es ins Landesinnere, Seebär, wo sich meinesgleichen wohlfühlen. Mallee, Seebär. Das ist diese trockene australische Buschlandschaft mit ihren mehrstämmigen Eukalyptusbüschen. Und ich glaube, die beiden haben sich dort ganz bewusst mit der Schwingung und der Energie dieser Landschaft verbunden. Als wären die Klänge nicht einfach gemacht, sondern aus der Erde, den Steinen und der trockenen Luft hervorgeholt worden.“

„Du bist heute schon sehr spirituell, Dromedar.“

„Paarhufer sind immer so spirituell, Seebär …“

Ich lege Mallee auf, mit Freya Schack Arnott und Benjamin Ward. Sie spielt Cello und Nyckelharpa und Ben Ward Kontrabass und mikrotonales Keyboard.

Seebär fällt sichtbar in Trance. Er rollt auf den Rücken und hypnotisiert den Himmel.

Ich schließe die Augen und sehe rote Erde, warme Steine, etwas, das weit weg ist von den verstrickten und gewöhnlichen Geschicken der Menschen.

Ich entspanne und lasse die intensiven, erdigen Klänge einfach wirken. Peace.

Als sie enden, sagt Seebär:

„Jetzt ist es passiert.“

„Was?“

„Mein Herz nimmt Fahrt auf.“

„Tu mir das nicht an.“

„Doch. Ich segle nun nach Australien. Ich will das sehen, was ich gehört habe. In meiner Nase liegt ein Hauch von Eukalyptus … und Geheimnis. Und das alles ist so besonders, weil Menschen es wahrnehmen. Besondere Menschen, die einen Sinn haben für die Tiefe von Schönheit. Tolle Freya, toller Ward. Dromedar, es geht jetzt in den australischen Busch.“

„Ja, die sind wirklich toll. Aber, Seebär, ich habe mich jetzt an die Alpen gewöhnt. Saftige Weiden und so …“

„Dromedar, du stehst auch im Busch gut da.“

„Dummer Bär … Ich habe keine Ahnung von Australien.“

„Dromedar“, macht Seebär und schaut wieder auf den See.

„Stell dir doch mal vor: Irgendwo da in Australien sitzen zwei und schauen aufs Meer und reden über die Schweizer Musikszene in drei Platten.“

„Seebär, das ist etwas viel für mein Dromedargehirn. Ich komme nicht mehr mit. Ich will kochen.“

„Schon gut. Kochen wir. Aber leg doch noch mal das mit dem Gott auf.“

„Gerne.“

 
 
 

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