Listening Tip June 2026: “Superimpositions”
- Natalie Peters

- 3. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Tizia Zimmermann und Chris Pitsiokos
Eleatic Records, September 2025
Ich glaube, etwas in mir hat auf diese CD gewartet. Sie lag zwar schon länger ganz unschuldig auf dem Stapel CDs, die ich noch anhören musste, aber schon da war sie irgendwie frech. Ich lege sie nichts ahnend auf und beginne Karotten zu schälen. (Ich liebe es zu kochen und Musik zu hören.) Und die Musik hört sich gut an. Tizia Zimmermanns Akkordeon und Pitsiokos’ Sax kreieren eine ganz besondere Atmosphäre: pur akustisch, aber so raffiniert und ungewöhnlich, dass ich ganz reingehe.
Aber nach kurzer Zeit stimmt irgendetwas nicht. Ich kontrolliere meinen neuen CD-Player, auf den ich so stolz bin: Der wird doch nicht etwa springen? Nein, er läuft ganz ruhig. Seltsam. Ich gehe wieder zu meinen Kartoffeln, aber kaum habe ich das Messer angesetzt, springt er schon wieder, und ich werde ärgerlich, weil ich die Musik so schön finde und eigentlich nur genießen will. Aber als ich vor dem Gerät stehe, läuft der Player ruhig und zufrieden vor sich hin.
Ich werde misstrauisch. Anstatt der Kartoffel nehme ich jetzt die CD in die Hand: cooles Cover, lässiges Layout. Keine Info zu viel. Superimpositions. Ich muss nachschlagen, das heißt Überlagerungen. Aha. Und die Stücktitel: Phasing, Cluster Plus One, Short Glissandi … Jetzt bin ich interessiert und merke: Alle zehn Stücke haben exakt die gleiche Länge, 3:58 min. Jetzt springt wieder mein CD-Player. Nein, er springt eben nicht.
Es gibt bloß keine Stille zwischen den Stücken. Es sind Zustände, die sich nebeneinander aufreihen. Immer der gleiche Zeitrahmen mit einem anderen Klangbild darin. Ich bin begeistert. Hier sind Musiker, die dir nicht einfach schöne Musik auf den Plattenteller legen, sondern das Medium der Aufnahme radikal herausfordern. Das ist scharf konzipiert, konstruiert und wirkt trotzdem unkonventionell punkig. Und hier können wir wunderschön erleben, dass Form nicht Verpackung ist, sondern das Wesen der Musik weit öffnen kann. Das Album ist klar definiert und funktional angelegt, intelligent und frech in seiner Schlichtheit.
Dabei öffnen sich die Musiker komplett ihrem Spiel und ihren Resonanzwelten. Das wirkt nicht ausgedacht, sondern verspielt und gewagt. Gleichzeitig verflechten die beiden mit einem wunderbaren Gehör komplexe Klangsituationen. Tizia Zimmermann und Chris Pitsiokos musizieren mit Freude und Weite. Es scheint, dass sie manchmal komplett in ihrem Spiel verschwinden, und dann kommt wieder die Form die Struktur und holt uns ins Jetzt zurück.
Sehr interessantes Thema.
Und dann: das Zeitempfinden ist bei dieser Aufnahme einfesselnder Kernpunkt. Manche Stücke erscheinen länger, auch viel länger als andere. Manche scheinen unglaublich kurz. Alle jedoch bleiben streng bei 3:58 min. Das habe ich kontrolliert. Aber der Effekt der einzelnen Bilder ist extrem unterschiedlich und inspirierend.
Brutalistische Soundarchitektur würde ich dazu sagen. Noise unter dem Mikroskop. Abgepackte tönende Formen. Wenn sie dir ins Ohr springen, gibt es keinen Weg mehr daran vorbei. Ich würde sagen, diese CD ist eine Erfahrung. Lasst sie euch nicht entgehen. Das Album könnt ihr Kaufen. Die Zeit zum hören, wird euch geschenkt. Und es ist Zeit von Erstklassiker Qualität, die sich sogar vervielfachen kann.




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