LISTENING TIP JULY 2026: “ Fake Live in America – Sawt”
- Natalie Peters

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Mazen Kerbaj, Michael Vorfeld, Burkhard Beins Release: 1. August 2025 Produced by: Headache Production
Ich wollte schon lange einmal die Musik von Mazen Kerbaj vorstellen. Eigentlich dachte ich dabei eher an seine Soloarbeiten. Dann stieß ich jedoch auf diese Aufnahme, die mich schon mit ihrem Titel und dem charmanten Coverfoto sofort neugierig machte.
Mazen Kerbaj hat mich nämlich auch als bildender Künstler tief beeindruckt. Sein Projekt „Gaza in My Phone“ berührt einen der empfindlichsten gesellschaftlichen Punkte unserer Gegenwart. Es geht um Gaza, um Hilflosigkeit und die sinnlose Eskalation von Gewalt, aber auch darum, wie wir Gewalt überhaupt wahrnehmen, wie sie auf unseren Bildschirmen sichtbar wird und dabei zugleich entmenschlicht und entmachtet wird. Doch Kerbaj ist nicht nur bildender Künstler. Als eine der prägenden Persönlichkeiten der experimentellen Szene Beiruts lebt er nun seit vielen Jahren in Berlin. Dort spielt er seine Trompete, entwickelt Kunstprojekte und schafft als Organisator immer wieder gesellschaftliche und kulturelle Kontexte.
In diesem Listening Tip geht es nun um Musik. Allerdings geht es auf dieser Platte auch um die Frage, wie Realität entsteht: durch Medien, durch Dokumentation und letztlich durch unsere Wahrnehmung.
Mazen Kerbaj spielt hier zusammen mit Michael Vorfeld und erneut: Burkhard Beins. Trompete und zwei Schlagzeuger. Die Platte besteht aus einem Zusammenschnitt von Konzertaufnahmen ihrer Amerikatournee. Die Aufnahmequalität reicht dabei von professionellen Mitschnitten bis hin zu Smartphone-Aufnahmen. Das Ergebnis ist eine Collage: ein Livekonzert, das es so nie gegeben hat und das doch handfest gespielt wurde.
Die drei Stücke heißen:
Way In
Don’t Block the Box
Way Out
Mit dieser Box ist es ja so eine Sache: Wenn du nicht akzeptierst, dass du in ihr steckst, bleibst du meistens drin. Und weil wir ständig in irgendwelchen Boxen sitzen, finde ich es ausgesprochen freundlich von einer Band, dass sie zumindest Eingang und Ausgang markiert. Rein in die Box, wieder raus aus der Box, aber Hauptsache immer Sawt Out. Das habe ich übrigens gegoogelt: eine Mischung aus Arabisch und Englisch, sinngemäß „Sound raus“. Jawohl. Finde ich gut. Raus damit.
Die Musik steht dem Konzept in nichts nach. Ich war vollkommen gebannt davon, wie viele Dimensionen gleichzeitig in diesem Spiel auftauchen: durchdringend und subtil, intim und weit, alles zugleich. Das sind lässige Zeitzauberer, deren Ästhetik genau dort entsteht, wo man sie nicht festhalten kann, sondern freilassen muss.
In einem Augenzwinkern steckt die Liebe zum Detail, aber auch die Hingabe an diesen eigenwilligen Trip, der diese Künstler durchdringt und antreibt. Die Musik geht unter die Haut. Sie ist verspielt und eindringlich zugleich und arbeitet mit ständig wandernden Spannungsfeldern. Das Trio erschafft eine derart reiche Klangwelt, dass einem stellenweise fast symphonisch zumute wird. Wäre da nicht zugleich dieser unglaubliche Durchblick aller Beteiligten, die mit einer einzigen minimalistischen Geste plötzlich alles auf einen Punkt konzentrieren, nur um den Raum im nächsten Moment wieder weit aufzuspannen.
Das ist die Magie, die ich an improvisierter Musik so liebe: Wenn alles Sinn ergibt und gleichzeitig jederzeit ganz anders sein könnte.
Meiner Meinung nach spielt sich dieser Fake genauso überzeugend durch die Lautsprecher wie ein zertifiziertes Livealbum. Nur dass er nebenbei noch die Frage stellt, wo man eigentlich selbst dabei ist.
Dabei kommen mir l die zerfließenden Uhren von Dalí in den Sinn. Die Zeit vergeht, wie sie will. Am Ende bleibt ohnehin nur das, was man erlebt hat, und selbst das nur in der Qualität der eigenen Aufnahmefähigkeit , nicht in der eines Aufnahmegeräts.
Und weil unsere Empfindung eben letztlich alles ist, sollte man immer das Zuhören üben.
Auch wenn es unbequem ist. Gerade dann. Deshalb erlaube ich mir auch, noch einmal auf „Gaza in My Phone“ hinzuweisen. Denn dies ist kein Moment, in dem wir unsere Nervensysteme auf Eis legen können. Das ist gefährlich.
Ich habe übrigens neulich an der Tankstelle gehört, wie ein Herr, der seinen stattlichen SUV volltankte, zu seiner leichtbekleideten Begleitung sagte: „Oh, ist das teuer. Dieser Scheisskrieg.“
Als ich selbst die Zapfpistole in mein Auto steckte, hatte ich für einen Moment Angst, etwas Rotes könnte aus ihr fließen.




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