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We See You - Konzerte, die einen Unterschied machen

  • Autorenbild: Carovana091
    Carovana091
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Am 20.12.2025 fand das letzte Konzert der We See You Reihe statt und wieder war es einer jener Abende, bei denen mehr in der Luft liegt als nur Musik. Bei allen Veranstaltungen dieser Reihe war etwas Außergewöhnliches spürbar. Vielleicht war es der große Respekt, mit dem die Musikerinnen und Musiker für dieses Projekt spielten, oder ihr feiner Sinn dafür, eine Atmosphäre zu schaffen, in der erfahrbar wird, wie wichtig es ist, füreinander Sorge zu tragen. Vielleicht war es auch das Bewusstsein, dass viele Musikerinnen und Musiker solidarisch von Stadt zu Stadt, von Konzert zu Konzert spielen und dabei einen Moment weiterreichen, in dem Menschenrechte und Würde zum Thema werden, für die Menschen in Gaza, aber auch für uns hier.


Denn wie sollen wir uns noch miteinander verbinden und an Recht und Menschlichkeit glauben, wenn menschliche Existenzen scheinbar nichts mehr gelten? Wenn Blutvergießen und Elend zum Alltag werden und das Gefühl von Ohnmacht uns bedrückt?


We See You ist ein Fundraising Projekt, ja. Aber es betont zugleich, dass Mitgefühl und Menschlichkeit gepflegt werden müssen. Sie sind kulturelle Errungenschaften, die in Zeiten von Krieg und Gewalt vergessen werden können, die aber als unumstößliche Werte immer wieder ins Bewusstsein gerückt werden müssen. Das ist eine Aufgabe der Kultur und eine Kraft, die sie der Gesellschaft geben kann.


Das künstlerische Niveau der We See You Konzerte war durchgehend beeindruckend. Die Musik besaß eine verstörende Schönheit. Und jedes Mal schwang etwas kaum Greifbares mit, etwas, das Musikerinnen und Musiker und Publikum gleichermaßen berührte. Auch in Genf setzte der Abend nicht nur finanzielle Hilfe für Gaza frei, sondern machte erfahrbar, dass man sich diesem Thema auch anders nähern kann, über das Zuhören, über das Sich Öffnen, über das Spüren.


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Das Projekt Épitaphe Sonore eröffnete den Abend. Gedichte aus Gaza und Musik.

Madi trat nach vorne und begann, Namen vorzulesen, Namen aus endlosen Listen von Opfern. Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer. Babys, Mütter, Väter, Söhne, Töchter. Gleichzeitig las Delphine Texte und Gedichte von Menschen aus Gaza, von Menschen, die nachts wach liegen, weil Bomben fallen, geschossen wird und Hunger herrscht, von Menschen, die ihre Liebsten und ihre Häuser verloren haben und miterleben müssen, wie neben ihnen erneut jemand stirbt. Das Leid dieser Menschen, ihr Entsetzen, entstand vor unseren Augen.


Immanuel, Benoît und Fabrice begleiteten diese Stimmen musikalisch, fingen sie auf und trugen sie weiter. Manche im Publikum weinten. Manche trauten sich kaum noch zu atmen.


Es wurde an diese Menschen gedacht. Es wurde verstanden, dass sie nicht mehr leben. Ihre Verzweiflung war spürbar. Und im Schlussapplaus, der schwer aus unseren Händen fiel, sagte Madi, der aus Gaza kommt, Rapper ist und dessen Familie noch immer dort lebt: Danke für diesen Abend. Danke, dass ihr da seid. Denn genau das macht einen Unterschied.


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Im zweiten Set spielte das Insub Kollektiv die subtile, leise und zugleich eindringliche Komposition L’apport von Diatribe. Unter dem gesamten Stück lag ein tragender Grundton, der sich verdichtete. Darüber tauchte immer wieder ein Alarm auf, manchmal kaum hörbar, dann nagend, dann dissonant in mikrotonalen Schichtungen und Verflechtungen. Die Musik entwickelte eine faszinierende, aufwühlende Sprache. Zwischendurch brach sie ab für einen Atemzug. Die Stille war laut. Lauter noch als das Dröhnen und der Alarm, die sie zuvor durchschnitten hatten.


Wie tief, wie entschlossen können wir noch aufhorchen und zuhören? Können wir das noch, wenn Meldungen und Politik uns mit zerstörerischen Nachrichten, Bildern und Entscheidungen überfluten? Wenn moralisches Empfinden entsetzt wird und Zorn unsere Reaktionen verdreht, wenn gesellschaftliche Verstrickungen so komplex werden, dass das intuitive Verständnis kaum mehr eine persönliche, wahrhaftige Antwort findet?


Manchmal versagen Worte. Dann braucht es Kunst, Aufmerksamkeit, Momente der Konzentration, in denen das Empfinden wieder atmen kann und wir wieder Menschen sein dürfen.


Kultur ist ein soziales Grundbedürfnis. Sie ist die Chance, sich daran zu erinnern, dass Menschlichkeit eine Errungenschaft ist, die angesichts der Banalität des Bösen bewahrt werden muss. Ja, man kann auch wieder Hannah Arendt lesen und selbst denken üben.


Alle We See You Konzerte haben gezeigt, es macht einen Unterschied.Die Erfahrung eines Konzerts, eines kollektiven Moments, der nicht laut ist, sondern fein, kann Vertrauen zurückgeben, in Ethik und in die Kraft des Mitgefühls.


In Genf ließ Tresque den Abend mit Tanz ausklingen, damit die aufgestaute Energie wieder in Fluss kommen konnte. Und das tat gut. Als lebendige Menschen betrachten wir das Elend. Und wer weiß, wie sich Freude anfühlt, weiß auch, was es heißt, wenn sie in den alptraumhaften Zonen der Vernichtung fehlt.


Das Insub Kollektiv stellte zudem eine libanesische Suppe zur Verfügung, und die Musikerinnen und Musiker übernahmen kollektiv die gesamte Bewirtung.


Mit den Einnahmen aus Genf konnte We See You insgesamt 4600 CHF spenden.

Ein herzlicher Dank gilt allen Beteiligten, dem Publikum sowie den Sponsorinnen und Sponsoren und Partnern.

Es hat sich wirklich gelohnt.

 
 
 

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